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3.4 Grundlegender Aufbau des Hauptteils

Im Hauptteil des Fragebogens steckt bei der Erstellung der Löwenanteil des Aufwands.Im folgenden Teil wird auf den Hauptteil und seine zahlreichen Aspekte eingegangen – vom Allgemeinen zum Speziellen.

3.4.1 Erste Frage

Eine wesentliche Bedeutung kommt nach Dillman (1978, S.122 f) der ersten Frage zu. Mit ihr wird die Motivation und das Engagement zur Beantwortung des gesamten Fragebogens angeregt. Auf ihre Erstellung sollte deshalb besondere Sorgfalt angewendet werden.

Die erste Frage sollte also den Vorstellungen der Befragten zum Thema entsprechen, d.h. sie muß sofort einen Zusammenhang zum Thema herstellen, eindeutig relevant sein, das Interesse und die Neugier der Befragten wecken und so einfach wie möglich formuliert sein (vgl. Schnell et al. 1999, S.338).

Dabei sind folgende Kriterien (vgl. Schnell et al. 1999, S.320) zu beachten:

Ergänzend finden sich unter Gräf et al. (2001, Internetquelle)

Um allen Anforderungen gerecht zu werden, kann es durchaus Sinn machen, eine ‚perfekte‘ Einstiegsfrage zu kreieren, die in der Auswertung der Ergebnisse dann gar nicht berücksichtigt zu werden braucht – also eine ‚Wegwerf-Frage‘.

3.4.2 Themenbereiche und Reihenfolge der Fragen

Einzelfragen sollten nicht über den gesamten Fragebogen verteilt, sondern in zusammenhängende Themenbereiche gegliedert werden. In jedem Themenbereich sollten mehrere Fragen gestellt werden. Teilweise wird in der Literatur vorgeschlagen, Fragen, die zum gleichen Fragebogenkomplex gehören, an unterschiedliche Stellen des Fragebogens zu plazieren, um dadurch Kontrollantworten zu erhalten. Aber: „dies verwirrt den Befragten eher, als daß sie den gewünschten Effekt hat“ (Schnell et al. 1999, S.321). Diese kognitive Verwirrung sollte also umgangen werden.

Die Themenbereiche sollten zudem deutlich voneinander getrennt werden. (Gräf et al. 2001, Internetquelle)

Die Reihenfolge der Themenbereichesollte nach der für die befragte Zielgruppe vermutlichen Relevanz abfallend gegliedert werden. Die Fragen innerhalb der Themenbereiche folgen der gleichen Logik (Schnell et al. 1999, S.338). Die einzelnen Themenbereiche sollten mit „Übergangsfragen“ (Schnell et al. 1999, S. 321) aneinander gekoppelt sein. Dadurch ergeben sich fließende Übergänge, und der Fluß der Beantwortung wird nicht gestört.

Erst am Ende des Fragebogens sollten demographische und personenbezogene Fragen gestellt werden, da diese Fragen für den Befragten weniger interessant sind. Sie können unter Umständen langweilen und werfen eher die Frage nach deren Verwendung auf. Kommen diese Fragen erst spät, hat sich der Befragte bis hierher engagiert und den Fragebogen ausgefüllt. Daher ist es wahrscheinlich, daß er nun auch noch diese letzten paar Fragen beantwortet, da ein Ende in Sicht ist und seine bisher gemachte Arbeit nicht umsonst sein soll.

3.4.3 Schwierige oder sensible Fragen

Fragen zu Sexualität, Drogen, zum Einkommen und selbst schon zur Hygiene gehören zu diesem Komplex. Dabei findet sich in Teilen der Literatur die Empfehlung, solche Fragen an das Ende einer Befragung zu stellen, um einen vorzeitigen Abruch zu verhindern. Nach Schnell (et al. 1999, S.321) besteht dadurch jedoch die Gefahr, daß Fragen aus dem Kontext gerissen werden. Daher erscheint es sinnvoll, die schwierigen Fragen an das Ende des dazugehörigen Fragekomplexes zu stellen. Auch hier sei noch einmal auf kulturelle Hintergründe der jeweiligen Zielgruppe hingewiesen – was beispielsweise für Jugendliche als harmlose Frage gelten kann, wird u.U. von Senioren als heikel empfunden; ebenso sind Mentalitätsdifferenzen zu bedenken. So sind in Japan direkte Fragen nach dem Gehalt gang und gäbe, bei uns gilt dies als unhöflich.

3.4.4 ‘Keine Angaben‘-Kategorie

Manche Fragen können bzw. wollen einzelne Befragte nicht beantworten. Wird bei geschlossenen Fragen nicht die Möglichkeit angeboten, keine Angaben zu machen, wird entweder nichts oder, was für das Untersuchungsergebnis schlechter ist, eine willkürliche Antwort angekreuzt. Wenn nur diese zwei Antwortmöglichkeiten bestehen, handelt es sich um eine erzwungene Entscheidung.

Um die Verzerrungen der Ergebnisseso klein wie möglich zu halten, wird von verschiedenen Autoren (z. B. Schnell et al. 1999) empfohlen, auch eine Antwort- möglichkeit in Form von ‚weiß nicht‘, ‚unentschieden‘ oder ‚keine Meinung‘ bzw. ‚keine Angaben‘ anzubieten.

Untersuchungen von „Schuman/Presser (siehe in Schnell etal. 1999, S. 315) konnten zeigen, daß durch die Vorgabe einer expliziten ‚weiß-nicht‘- Beantwortungsmöglichkeit die ‚weiß-nicht‘ Anteile einzelner Fragen um 10 bis 30 % höher lagen als in Fällen, in denen solche Möglichkeiten nicht gegeben waren.“ Dies bedeutet, daß ohne diese Kategorie ein hoher Prozentsatz der Befragten eine falsche Antwort gibt, da keine andere Möglichkeit gesehen wird, wie z.B. das Überspringen der Frage.

Beispiel: Nehmen Sie Drogen ... ?
          o Ja    o Nein    o keine Angaben

Dabei kann entweder eine zusätzliche Antwortmöglichkeit aufgenommen werden oder noch besser ist es, „bereits bei der Fragestellung die Legitimation einer ‚weiß nicht‘ Beantwortung zu verdeutlichen“ (Schnell et al. 1999, S.315) und diese dann als zweistufige Fragestellung zu erstellen. Dies kann auch sehr geschickt zur Filterung (siehe folgenden Gliederungspunkt) genutzt werden.

Beispiel:
Die arabischen Staaten bemühen sich um einen wirklichen Frieden mit Israel.
Haben Sie eine Meinung zu dieser Aussage?

  Nein o
  Ja o    Wenn ja, stimmen Sie dieser Aussage zu oder
          lehnen Sie diese Aussage ab?
            Stimme zu o
            Lehne ab o

3.4.5 Filter

Filter ermöglichen das Auszuklammern von Fragen, die für den Befragten nicht relevant sind. Dazu werden Fragen übersprungen, die durch eine vorherige Antwort des Befragten irrelevant geworden sind. Beispielsweise macht es wenig Sinn, nach der ersten Frage, ob z.B. jemand einem Verein angehört, weitere Fragen nach dessen Engagement im Verein zu stellen, wenn bereits die erste Frage verneint wurde.

Wenn möglich, sollte eine übersichtliche Filterführung eingebaut werden, so daß Fragen (bzw. Fragenkomplexe), die für den Befragten nicht zutreffend sind, übersprungen werden können. Andernfalls erhält man sehr viele ‚trifft nicht zu‘- Antworten und langweilt u. U. den Befragten. Dieser kann dann das Interesse am weiteren Fragenverlauf verlieren, was negative Auswirkungen auf die Zuverlässigkeit der Ergebnisse zur Folge haben kann.

Aufbau einer Filterführung
Abb. 10: Aufbau einer Filterführung

3.4.6 Zeitlicher Aufwand– Anzahl der Fragen

Hinweise auf die Frage nach dem zeitlichen Aufwand und damit verbunden die Anzahl der Fragen ergibt die Untersuchung von Bosnjak und Batinic (1999, S. 156), in der ein „freiwilliger zur Verfügung gestellter Zeitaufwand für wissenschaftliche (...) Umfragen“ untersucht wurde. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in der Abbildung rechts zu sehen. Bei der Umfrage handelte es sich um eine E-Mail-Umfrage, wobei m. E. die Ergebnisse auch auf herkömmliche Fragebogen ausdehnbar sind. Die Aussagen der Untersuchung sind allerdings unter Vorbehalt zu beurteilen, da es sich um Selbstaussagen der Befragten handelt. Sie können allerdings Tendenzen aufzeigen.

Freiwillig zur Verfügung gestellter Zeitaufwand für wissenschaftliche E-Mail-Umfragen
Abb. 11: Freiwillig zur Verfügung gestellter Zeitaufwand für wissenschaftliche E-Mail-Umfragen (in % bei n=357)

Die Erkenntnis aus den Zahlen der Untersuchung ist, daß nicht nach dem Motto ‚je kürzer, desto besser‘ gehandelt wird. Mindestens 10 Minuten wäre die Mehrzahl (79%) laut Selbstaussage der Befragten zu investieren bereit. „Ein Grund hierfür könnte sein, daß der Untersuchungsgegenstand bei sehr kurzen Umfragen als weniger bedeutsam eingestuft wird. An unbedeutenden Untersuchungen teilzunehmen widerspricht aber einer Reihe von Teilnehmerbeweggründen." (Bosnjak/Batinic 1999, S.150)

Andererseits nimmt laut Gräf (1999, S.161) mit der Länge des Fragebogens die Abbrecherquote zu und die Antwortqualität nach einer gewissen Zeit ab. Der Befragte ermüdet, wird unaufmerksam, desinteressiert, abgelenkt und unkonzentriert.
Als Faustformel kann nach Gräf (1999, S.161) gelten, daß Umfragen die mehr als 15 bis 25 Fragen enthalten, zu lange sind. Nach Stangl (2001, Internetquelle) „sind maximal 15 bis 20 geschlossene und einige wenige offene Fragen möglich“ wobei 10 Minuten Beantwortungsdauer nicht überschritten werden sollten.
Berücksichtigt muß dabei werden, daß der Begriff ‚Frage‘ dazu verführt, in eine Frage mehrere ‚Teilfragen‘ als Vergleiche kaschiert zu packen. Daher wäre es sinnvoller, von Einheiten zu sprechen. Also sollten nach obigen Aussagen maximal 25 Einheiten, bzw. 10 Minuten Zeitaufwand für einen Fragebogen vorgesehen werden (vgl. Kapitel 4.6.2).

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