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Online-Umfragen effizient

4.2 Webbasierter Fragebogen contra herkömmliche Befragung

4.2.1 Allgemeine Vorteile des webbasierten Fragebogens

Webbasierte Fragebogenuntersuchungen haben gegenüber traditionellen Verfahren eine Reihe von Besonderheiten und Vorteilen:

“ (Batinic et al. 1999, S. 93)

Durch die Asynchronität ist im Gegensatz zur Befragung per Interview eine vollkommen zeitunabhängige Befragungsmöglichkeit gegeben. In Verbindung mit der Allokalität, also Ortsunabhängigkeit, stehen neue Möglichkeiten zur Verfügung, denn Ländergrenzen sind nicht mehr relevant. Bei einer Evaluation von E-Learning ist es z.B. ohne Belang, wo der Befragte lebt und zu welcher Zeit er den Fragebogen ausfüllt. Dadurch kommt eine neue Dimension der interkulturellen Fragestellungen sowohl als Chance wie auch als Fehlerquelle ins Spiel, wie beispielsweise die Explosion des Zielgruppenumfangs. Durch die Flexibilität der Medientypen kann passend zur Fragestellung das angemessene Medium gewählt werden, z.B. Bilder, Animationen, Ton, Musik und Videosequenzen. Eine Unterstützung durch Multimedia ist problemlos durchführbar.

Die Automatisierbarkeit ist besonders für den Befrager von Vorteil, der sich einerseits nicht mehr um die Zustellung des Fragebogens kümmern muß und andererseits ab einem gewissen Grad der Automatisierung nicht mehr auf den Termin achten muß. Die Zustellung verläuft komplett elektronisch. Der Zeitpunkt wird vom Teilnehmer bestimmt. Zur Veranschaulichung ein Beispiel aus dem Bereich E-Learning: Nach Abschluß einer Lerneinheit erhält der Teilnehmer automatisch den Fragebogen präsentiert. Der Befrager muß sich nur noch um die rechtzeitige Fertigstellung des Fragebogens kümmern. Der Abrufzeitpunkt wird indirekt durch den Teilnehmer bzw. seinen Lernstand bestimmt. So können auch nach Kursende den Teilnehmern nach einer definierten Zeit Fragebogen automatisch präsentiert werden, um beispielsweise den Transfer nach drei Monaten zu evaluieren.

Genauso kann die Dokumentation sowohl des einzelnen Fragebogens wie auch der gesamten Untersuchung automatisch erfolgen. Die Objektivität bei der Durchführung der Auswertung wird nicht durch die menschliche Komponente auf Seiten der Befrager verzerrt, da es durch die Automation wenige Möglichkeiten zum Eingriff gibt. Übertragungsfehler durch Lese- oder Tippfehler beim Übertragen der gewonnen Daten sind ausgeschlossen, sofern kein Medienbruch vorliegt und die Daten automatisch vom Befragungssystem sowohl erhoben, gesammelt als auch ausgewertet werden. Dieser gesamte Ablauf ist wesentlich ökonomischer als bei herkömmlichen Fragebogen, da Stückzahlen so gut wie keine Auswirkungen auf die Kosten bzw. den Aufwand haben.

Als weiterer Vorteil wird von Gadeib (vgl. 1999, S.108) die Multidimensionalität genannt: Die Erhebung kann durch die virtuelle Realitätum die dritte Dimension erweitert werden. So entstehen z.B. ‚begehbare‘ Fragebogen,da Räume abgebildet werden können, etwa ein Museum, und die Befragung durch das Begehen der Räume und Sichten der Ausstellungsgüter zu einem technischen Erlebnis wird. Dies sind keine Phantasien, sondern bereits Wirklichkeit. Insgesamt ist eine höhere Geschwindigkeit des gesamten Ablaufs zu konstatieren. „Fragebogen müssen nicht gedruckt und verschickt werden. Rückläufe erfolgen schneller. Die Daten stehen mit der Beantwortung der (...) Frage zur Auswertung zur Verfügung.“ (Gadeib 1999, S.109)
Besonders die gesteigerte Datenqualität ist ein Bonuspunkt für ‚elektronische‘ Befragungen. Aufgrund der durchgängig digitalen Verarbeitung kann die Fehlerquote merklich gesenkt werden, und es besteht die Möglichkeit zur sofortigen Online-Fehlerprüfung und -Filterführung.

Trotz zahlreicher Vorzüge werden laut Batinic et al. (1999, S. 93) von Wissenschaftlern und Markt- und Meinungsforschern Befragungen im Internet selten erstellt und genutzt. Dies könnte an dem teilweise hohen technologischen Wissen liegen, das an den Untersuchungsleiter bis vor kurzem noch gestellt wurde.
So wurden viele Untersuchungen von ‚Hand‘ gemacht. Der Fragebogen wurde in der Seitenbeschreibungssprache HTML erstellt, ein Übertragungsmodul in einer Script-Sprache (meistens Perl, PHP bzw. neuerdings ASP) programmiert, durch das die Daten dann zurück zum Befrager übertragen wurden. Die gewonnenen Daten wurden dann in ein Statistikprogramm transferiert.

Seit Batinic et al. hat sich auf dem Softwaremarkt jedoch einiges getan. Jetzt ist anhand von guten Softwarepaketen auch für den Computerlaien eine webbasierte Befragung durchführbar, ohne daß technologisches Wissen nötig wäre (obwohl dieses nicht schaden kann).

Hier werden Softwarepakete daraufhin untersucht, inwieweit sie wissenschaftliche Kriterien der Fragebogenerstellung erfüllen, wie sie den Benutzer unterstützen, dem technischen ‚State of Art‘ entsprechen und bei der Datenübertragung und Auswertung helfen. Zudem werden die spezifisch webbasierten Vorteile beschrieben.

4.2.2 Echtzeitstatistik

Ein besonderer Vorteil im Vergleich zu konventionellen Fragebogen ist die Echtzeitstatistik, d.h. sofort nach Erfassen der Antworten stehen Auswertungen darüber zur Verfügung. Die abschließende Darstellung der bisher gewonnenen Ergebnisse wirken sich positiv auf die Teilnahmebereitschaft der Befragten aus.In einem Experiment wurde die Beeinflussung der Anworten durch die Echtzeitanzeige untersucht (Gräf/Heidingsfelder 1999, S.114). Gezählt wurden dabei die Teilnehmerzahlen bei Fragebogen mit unterschiedlichen Feedback-Varianten: Im ersten Zeitraum ohne Statistik, im zweiten Zeitraum mit Echtzeitstatistik im Anschluß an den Fragebogen und im dritten Zeitraum sofort nach jeder Frage. Die Zeitspannen der drei Teilexperimente waren nahezu gleich.

Phase Experimentalbedingung Zeitraum Anzahl der Teilnehmer
1 Ohne Echtzeitstatistik 1.9.97 – 30.9.97 925
2 Echtzeitstatistik im Anschluß an den Fragebogen 1.10.97 – 5.11.97 1883
3 Echtzeitstatistik bei jeder Frage 6.11.97 – 30.11.97 870

Tabelle 19: Überblick über das Methodenexperiment zur Echtzeitstatistik (Gräf/Heidingsfelder 1999, S. 114)

Zur noch besseren Verdeutlichung habe ich die Zahlen der Zeiträume auf jeweils einen Tag umgerechnet und die Anzahl der Teilnehmer entsprechend transformiert.

Phase Experimentalbedingung Durchschnittliche Teilnehmer pro Tag
1 Ohne Echtzeitstatistik 925 TN / 30 Tage = 30,8
2 Echtzeitstatistik im Anschluß an den Fragebogen 1883 TN / 36 Tage = 52,3
3 Echtzeitstatistik bei jeder Frage 870 TN / 24 Tage = 36,6
Ø Teilnehmer pro Tag

Als Grafik ist das Ergebnis in Abbildung 13 veranschaulicht.

Dabei zeigt die Y-Achse die durchschnittlichen Teilnehmer pro Tag.

Die Auswertung scheint Neugier zu wecken, wie man im Vergleich zu anderen Umfrageteilnehmern steht. Dadurch wirkt die Echtzeitauswertung als Belohnung.

Dahingegen ist die Auswertung bei jeder Frage (rechter, blauer Balken) zwar interessanter ist als ein Fehlen der Echtzeitstatistik (linker, roter Balken), aber offensichtlich wird auch dadurch ein Teil der Befragten nicht motiviert, bis zum Ende der Untersuchung durchzuhalten.Als Gründe gegen eine Auswertung nach jeder Frage könnten der zusätzliche Zeitaufwand und die gestillte Neugier vermutet werden.

Auswirkung von Echtzeitstatistik auf Teilnehmeranzahl
Abb. 16: Auswirkung von Echtzeitstatistik auf Teilnehmeranzahl

4.2.3 Feststellung des Abbruchpunktes

Weitere Vorteile bei Online-Fragebogen bietet das Prinzip ‚eine Frage – eine Bildschirmseite‘. Dadurch ist eine flexible Filterführung und eine Auswertung der kritischen, zum Abbruch provozierenden Fragen möglich.

Bei diesem Prinzip wird jede Frage einzeln vom Server angefordert und jede Antwort unmittelbar gespeichert. Erst dadurch können exakte Auswertungen über die Abbruchstellen gemacht werden. Bei der Untersuchung der Abbruchquote (Drop-Out) von Gräf/Heidingsfelder werden eindrücklich die Problemzonen eines Fragebogens sichtbar.

[Tabelle 21: Drop-Out in Abhängigkeit von der Frage (Gräf/Heidingsfelder 1999, S. 119, Tab. 2)

Hervorgehoben sind Drop-Out-Quoten über 0,9 %. Besonders auffallend ist der hohe Drop-Out bei den ersten 4 Fragen und der Anstieg bei Frage 8. Hierzu läßt sich vermuten, daß bei den Anfangsfragen viele aus reiner Neugierde den Fragebogen auszufüllen beginnen und nach Befriedigung des Wissensdurstes die Motivation schlagartig nachläßt.

Die achte Frage scheint eine kritische Frage zu sein, die anscheinend ungern beantwortet wird, so daß im Extremfall die Befragung hier abgebrochen wird. Es steigen fast 1% der Teilnehmer bei dieser Frage aus der Befragung aus.

Die Analyse des Drop-Outs kann somit zur Optimierung des Befragungskatalogs herangezogen werden.

graphische Darstellung des Drop-Outs in Abhängigkeit von der Frage
Abbildung 17: graphische Darstellung des Drop-Outs in Abhängigkeit von der Frage

4.2.4 Filterführung

Mit webbasierten Fragebogen ist eine wesentlich bessere Filterführung möglich als mit herkömmlichen. Im Idealfall, besonders wenn das Prinzip ‚eine Frage – ein Bildschirm‘ umgesetzt wird, muß der Befragte von der Filterführung nichts bemerken. Die für ihn nicht relevanten Fragen werden erst gar nicht sichtbar und können so keinerlei Irritationen hervorrufen.

Wird ein Standard-HTML-Fragebogen eingesetzt, in dem alle Fragen unter- einander aufgelistet sind, können immerhin Sprungmarken und interne Links zur nächsten relevanten Frage eingesetzt werden. Der Befragte klickt dann auf den entsprechenden Link, und automatisch wird der für ihn irrelevante Teil übersprungen. Durch diesen Komfort muß er nicht nach der nächsten Frage bzw. deren Nummer suchen.

Die flexible Filterführung erhöht die Zufriedenheit des Befragten, der jetzt nur noch Fragen liest, die auf seine Merkmalskombinationen zutreffen. Zusätzlich werden damit Fehlantworten vor deren Entstehung verhindert.

Beispiel:
Frage1: „Besitzen Sie ein Haus?“           Antwort: „Nein“
Frage2: „Wie viele Zimmer hat Ihr Haus?“   Antwort: „8“

Durch die Filterführung, die durchaus komplex in der Erstellung gestaltet werden kann, wird der Fragebogen interaktiv, ohne daß der Teilnehmer dies wahrnehmen kann.

4.2.5 Anonymisierung

Auf eine Anonymisierung und besonders auf die Zusicherung derselben sollte besonders bei webbasierten Umfragen geachtet werden. Internetnutzer sind durch die Datenschutzdebattein der Regel in Bezug auf ihre Anonymität sensibilisiert. Dabei ist es nicht der wirkliche Zustand der Anonymität, sondern die Wahrnehmung der Person darüber das ausschlaggebende Kriterium (vgl. Sassenberg/Kreutz 1999, S.63). Den Zustandder Anonymität kann die Person nicht überprüfen, und daher ist deren Zusicherung eine Vertrauenssache. Technisch versierte Internetnutzer kennen die Problematik der Anonymität und wissen, daß u. U. eineIdentifikation anhand der IP-Adresse der Internetverbindung stattfinden kann. Hier spielen verschiedene technische Gegebenheiten eine Rolle, die hier nicht weiter erläutert werden können. Technisch gesehen ist Anonymität für den Normalbenutzer im Grunde genommen eine Illusion, und daher ist nur die Wahrnehmung darüber entscheidend.

Interessant ist, daß die Abbrecherquote signifikant mit dem Maß der Indentifizierbarkeit steigt und fällt: Sassenberg/Kreutz (1999, S.70) stellten fest, daß in einer identifizierbaren Umfrage nur 66 % der Teilnehmer – im Gegensatz zu 78 % in der anonymisierten Fassung – die Umfrage vollständig beantworteten. Zudem wird durch zugesicherte Anonymität das Phänomen der sozialen Erwünschtheitverringert. Auch zeigt die Teilnehmerquote der Untersuchung bei Sassenberg und Kreutz (1999, S.73), daß bei zunehmender Identifizierbarkeit auch die Akzeptanz sinkt. Daher ist die Anonymität auch für die Stichprobengröße von Bedeutung, sofern es auf die größtmögliche Teilnehmeranzahl der Stichprobe ankommt.

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